Spezialwerkzeuge im Geigenmacherhandwerk

Ein Streifzug

Das Handwerkszeug des Geigenmachers bietet bei genauer Betrachtung sehr interessante Eigenheiten. Was für den Musiker sein Instrument oder Bogen sind für uns Geigenmacher unsere Hobel, unsere Feilen und die gepflegten und gehegten Schnitzmesser. Deren Qualität und Gebrauchseigenschaften beeinflussen auch das Ergebnis unserer Arbeit in hohem Maß.

Baumarkttools helfen in unserem Beruf nie weiter. Spezialisierte Werkstätten für Geigenmacherwerkzeuge haben von Generation zu Generation ihr Wissen um die Herstellung feinster Hobel, Feilen und Schnitzmesser weitergegeben. In der Blüte des italienischen Geigenmacherhandwerks wurden verschiedene Hilfsmittel und Werkzeuge entwickelt. So zum Beispiel das Werkzeug zum Markieren des Adergrabens oder präzise Wirbelschneider kann man heute in diesen Spezialwerkstätten ebenso erwerben wie Biegeeisen für die Zargen oder Hohleisen für das Schneiden der Schnecke. Die Qualität des Werkzeugstahles ist hier zum Beispiel für uns von elementarer Bedeutung.

Dieser Streifzug durch einige Spezialwerkzeuge im Geigenmacherhandwerk kann nur einen sehr kleinen Teil der von uns verwendeten Arbeitsmittel beleuchten. Wir gehen jedoch im Rahmen unseres mehrteiligen Artikels über die Herstellung eines Violoncellos im Einzelnen auf die Werkzeuge näher ein. 

Das Biegeeisen benutzt der Geigenmachermeister zum Formen der Zargenstreifen, Reifchen und Spaneinlage. Es ist aus einem starken Messingkorpus hergestellt, hat eine elliptische Form, die an den Verlauf der Mittelbugzarge angelehnt ist. Das Biegeeisen wird heute elektrisch beheizt und die Temperatur ist mit einem Thermostat regelbar. Das Biegeeisen muss genügend und gleichmäßig erwärmt sein, um die Hitze optimal an die Zargen, die Reifchen oder auch die zu biegende Spaneinlage weiterzugeben. Die Methode des Zargenbiegens beruht auf einer genialen Eigenschaft des verwendeten Holzes. Das in jeder Holzart als tragender Stützstoff vorhandene Lignin hat die Eigenschaft, dass die Fasern unter Wärmeeinwirkung elastisch und formbar werden. Nach dem Erkalten des so geformten Materials behält der Werkstoff die vom Geigenmacher gebogene Form. Dass dem Geigenmachermeister dabei - und nicht nur bei sehr geflammtem Material - hohe Fingerfertigkeit und Geduld abverlangt wird, erklärt sich von selbst. 

In der ersten Ausgabe unseres Fachblattes haben wir die Raubank, als einen der größten Vertreter des Handhobels vorgestellt (siehe Ausgabe 1 Seite 10). Für die Ausarbeitung der Wölbung von Decke und Boden kommen wir nun zu den kleinsten Vertretern ihrer Art. Der Geigenmachermeister benötigt für die Herstellung der inneren und äußeren Wölbung von Decke und Boden, die mit den Hohleisen grob vorgearbeitet werden, auch kleine Wölbungshobel von ovaler Form mit einerseits gewölbten oder aber auch flachen Sohlen. Diese Hobel sind aus Messing gefertigt. Der kleinste dieser Hobel, den wir verwenden misst eine Sohlenlänge von gerade einmal 25 mm. Der größte der Wölbungshobel besitzt eine Sohlenlänge von ca. 45 mm. Diese Hobel können einerseits mit einem durchgehenden Hobeleisen, aber auch mit einem Zahneisen benutzt werden. Das Zahneisen kommt vor allem bei sehr stark geflammtem Ahornholz zum Einsatz, um ein Ausreißen der Flammen bei der Bearbeitung zu verhindern. Die Ausarbeitung der Außen- und Innenwölbung gehört zu den langwierigsten aber auch für den Klang mit entscheidendsten Arbeitsgängen bei der Herstellung von Streichinstrumenten.

Auch wenn wir in unserer Reihe über die Herstellung des Cellos diesen Arbeitsgängen großen Raum einräumen werden, sei hier erwähnt, dass wir als Geigenmachermeister aus der Kombination von Dichte, Festigkeit, Modell und Wölbungsverlauf bei der Festlegung der Stärkenverteilung in Decke und Boden unsere langjährigen Erfahrungen einfließen lassen.

Ein weiteres Spezialwerkzeug benötigt der Geigenmachermeister zum Markieren der Nut, die zur Aufnahme der Spaneinlage dient und parallel zum Umriss von Decke und Boden verläuft. Dieses Schneidwerkzeug besteht aus einem Messingschaft, in dem zwei kleine Schnitzmesser aus hochwertigem Stahl in einem geringen Abstand zueinander durch eine Schraubvorrichtung festgehalten werden. Diese kleinen Schneiden sind verstellbar. Parallel zu den Messern verläuft am Messingschaft eine Verlängerung, die als Führung dient. Der Abstand zwischen dieser Führung und den beiden Schneiden ist ebenfalls durch die Schraubvorrichtung verstellbar. Somit läßt sich dieses Werkzeug für ganz unterschiedliche Instrumentengrößen und Spanstärken verwenden, aber es ermöglicht vor allem die gleichmäßige Markierung des Adergrabens in Decke und Boden. Mit einem Schnitzmesser oder Skalpell werden anschließend die Markierungen nachgeschnitten und der so entstandene Zwischenraum mit einem „Spanausheber“ aus der Decke und dem Boden herausgehoben. Diesen Spanausheber stellt sich der Geigenmacher meist selbst her. Entscheidend für die gute Wirkungsweise dieses Werkzeuges sind der Anschliffwinkel und die Qualität des Stahles. Für dieses Material dienen als Grundkörper nicht selten alte, gebrauchte Feilen oder Bohrer. 

Weiters benutzen wir verschiedene Arten von Hohleisen. Einerseits verwenden wir speziell zum Wölben und zum Ausarbeiten von Decke und Boden einige flachere Hohleisen. Andererseits aber vor allem zum Fertigen und Schneiden der Schneckenwindungen am Instrumentenhals eine Anzahl von ca. 15 bis 20 runden Hohleisen mit sehr verschiedenen Radien. Die unterschiedlichen Radien ermöglichen uns das Stechen der verschieden großen Windungen an der Schnecke. Diese Hohleisen sind kürzer als Bildhauer-Hohleisen und tragen starke runde Griffe, um den Druck auf die inneren Handflächen zu verteilen. Auch hier sind für das Ergebnis unserer Arbeit die Qualität des Stahles und der Anschliff von grundsätzlicher Bedeutung. Es gilt folgende Regel für die Materialqualität: Je härter der Stahl ist, um so geringer ist auch der Verschleiß an der Schneide und die Gratbildung. Das beste Schneidwerkzeug nützt aber wenig, wenn es nicht richtig scharf ist. Die sehr harten und feinkörnigen japanischen oder schwedischen Stähle, welche wir in unserer Werkstatt verwenden, lassen sich ausgezeichnet schärfen. Die erzielbare Schärfe hängt jedoch nicht nur von der kristallinen Struktur des Stahles, von der Schneidengeometrie und vom Schärfmittel sondern vor allem vom Können des Schärfers ab. Generell vollziehen wir das Schärfen von Hand. Als erstes verwenden wir eine elektrische Nassschleifmaschine, mit deren Hilfe wir den Winkel und den Verlauf der Schneide des Hohleisens formen. Für das weitere Schärfen benötigen wir verschiedene Schärfsteine. Das sind zum Teil japanische Natursteine, synthetische Steine und Diamantsteine. Die Schneide wird um so schärfer, je feiner der verwendete Abziehstein ist. Ein ganz besonderer Liebling unter unseren Schärfsteinen ist der so genannte Arkansas. Dieser feinstkörnige, dichte Abziehstein, der mit Öl verwendet wird, dient uns auf Grund seiner hohen Härte bevorzugt zum Polieren der Schneiden unserer Hohleisen. Der Arbeitsgang des Schärfens erfordert sehr viel Erfahrung und Übung, damit perfekt arbeitende Schneiden an diesen Eisen entstehen können.

Der Wirbelschneider ist ein spezielles Werkzeug, welches nach Art des Bleistiftanspitzers funktioniert. Wir benötigen dieses Werkzeug zum exakten Anpassen des Wirbelrohlings an das konisch geformte Wirbelloch im Wirbelkasten des Instrumentes und zum Anfertigen von Wirbelloch–Ausbuchsern bei Restaurierungsarbeiten. Um den Wirbelschaft abdrehen zu können, wird dieser in einer konischen Öffnung festgehalten und an einem Hobeleisen durch Drehen des Wirbels vorbeigeführt. Es werden sehr feine, gleichmäßige Späne vom Wirbelschaft abgenommen, bis eine einwandfreie konische Form mit einer glatten Oberfläche entstanden ist. Diese Vorgehensweise gilt genauso für die Anfertigung eines Ausbuchsers. Dies ist eine Restaurierungsarbeit an alten Instrumenten, bei der das vorhandene konische Wirbelloch am Wirbelkasten mit einem Ausbuchser komplett verschlossen wird, um ein neues kleineres Wirbelloch bohren zu können. Wir verwenden insgesamt neun verschiedene Modelle von Wirbelschneidern mit eng abgestuften Bohrungsdurchmessern, verstellbaren oder festgestellten Hobeleisen. Somit ist es uns möglich, Streichinstrumentenwirbel und Ausbuchser aller Größen von der 1/16-Violine bis zum 4/4-Violoncello anpassen zu können. 

Die Wirbelreibahle ist ein Präzisionswerkzeug, welches wir für die Bearbeitung der Wirbellöcher in der Wirbelkastenwand sowie für die Endknopf- bzw. Stachelbohrungen verwenden. Wir benutzen Reibahlen verschiedenster Größen und mit unterschiedlichem Konus. Die Schneiden dieser Werkzeuge sind entweder gerade genutet oder spiralig wie bei einem Bohrer. Bei Restaurierungen von alten Instrumenten mit einer sensiblen Wirbelkastensituation benutzen wir sehr gern die Reibahlen mit der Spiralverzahnung. Schnittkraft und Schärfe des Werkzeugs sind Grundvoraussetzung für den gefühlvollen Umgang mit den individuellen Eigenschaften jedes einzelnen Wirbelloches.


Claudia Rook und Kerstin Hoffmann

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