Wenn das Holz mit
der Musik schwingt, beginnt die Geige zu leben
Kerstin Hoffmann und
Claudia Rook eröffneten ihre Meisterwerkstatt für Geigenbau
(von Kathrain Graubaum)
Amati, Guarneri, Stradivari – das
sind die Namen, deren Klang die ganze Welt versteht. „Hoffmann &
Rook“ klingt auch nicht schlecht. „Unsere Namen haben nicht diesen
Mythos, mit dem die alten Meister behaftet sind. Noch nicht“, lachen
die Geigenbauerinnen Kerstin und Claudia mit einem Augenzwinkern.
Beides sportliche Typen, Kurzhaarschnitt, um die 30 Jahre jung.
„Eine gute Geige klingt besser, je älter sie ist, dies ist Kennern
kein Geheimnis“, meinen die Meisterinnen und dass dieses Gesetz ja
nicht zwangsläufig auch auf die Namen der Geigenbauer zutreffen
muss.
Geigenbauer sind Künstler. Das
bestreitet wohl niemand. Erst recht nicht, wer einige Zeit in ihrer
Werkstatt zubringt, ihnen bei der Arbeit zuschaut. Ihre Hände adeln
die hölzernen Keile, aus den Stämmen von Fichte und Ahorn
geschlagen, zu Königinnen der Streichinstrumente.
Ein Gründerzeithaus in Magdeburgs
Immermannstrasse haben sich die zwei Frauen ausgesucht, um ihre
gemeinsame Existenz zu gründen. „Hoffmann & Rook“ – zwei Treppen
hoch links. Im September vergangenen Jahres hängten sie hier ihre
Meisterbriefe an die Wand, stellten die Werkstische auf. Und
arbeiten seitdem daran, dem Namen ihrer Geigenbauwerkstatt einen
guten Klang zu geben.
Magdeburg hat zwar Theater- und
Musiktradition, hat einen Georg Phillip Telemann, das
Telemannorchester und eine Telemann-Musikschule, aber eine
Meisterwerkstatt für Geigenbau hatte Magdeburg bisher nicht. „Für
uns kann das ein Vorteil sein, nicht gleich gegen Konkurrenz
arbeiten zu müssen“, hoffen die beiden Frauen.
„Hoffmann & Rook“, das ist eine
Freundschaft, die in Markneukirchen begann, in dem vogtländischen
Städtchen, das jeder Musiker aus dem Osten kennt. Die „Musima“ mit
ihrer Berufsschule für Musikinstrumentenmacher hatte und hat bis
heute in Fachkreisen einen Namen.
„Nun erzähl’ doch mal, du warst
zuerst dort“, drängelt Claudia ihre Freundin, die gar nicht so viele
Worte machen möchte um ihre Handwerkskunst. Kerstin Hoffmann ist
gebürtige Magdeburgerin. Irgendwann mal fragte sie ihr
Gitarrenlehrer nach dem Berufswunsch. „Das war in der 6. Klasse oder
so, da hatte ich mir darüber überhaupt noch keine Gedanken gemacht“,
sagt Kerstin. Der Gitarrenlehrer muss ihr „echtes“ Talent entdeckt
haben, schickte sie in der Musikschule eine Treppe tiefer, wo ein
pensionierter Theatermusiker die Instrumente der Schule reinigte und
reparierte.
Mit den wöchentlichen Besuchen in
dieser kleinen Werkstatt wuchs ihre Liebe zum Instrumentenbau. Wer
wie Kerstin eine solche Liebe zur glücklichen machen wollte, musste
zwangsläufig den Weg nach Markneukirchen gehen – und natürlich als
einer von den unzähligen Bewerbern dort angenommen werden.
Kerstin war schon Ausbilderin in der
Lehrwerkstatt, als Claudia 1988 dorthin kam. „Der Geigenbau mein
Traumberuf? Keineswegs“, sagt die Schwerinerin. Die Cellistin hatte
Markneukirchen als Zwischenstopp geplant. Weil sie sich für ein
Instrumentalstudium musikalisch noch nicht reif genug fühlte.
Claudia ist konsequent. „Ich ging dann auch wirklich zum
Musikstudium“, setzt sie schnell hinterher. „Fünf Jahre an der
Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin, bis 1995.“
Jahre, in denen eine neue Liebe in
ihrem Herzen keimte. Claudias Weg führte zurück ins Vogtland. „Du
bist jetzt wieder dran“, Claudia ist um eine chronologische
Erzählung bemüht. Wenn Kerstin jetzt reden soll, müssen ihre Zähne
den Faden frei geben, den sie straff spannt und um ein Bündel
Rosshaare wickelt. 5,4 Gramm für einen Geigenbogen. Kerstin hat eine
Dezimalwaage, so klein wie ein Taschenrechner. Bogenmacher ist ein
zweiter Beruf, den sie sich von Meisterhänden abgeschaut hat. In
Wien zum Beispiel. Sie schwärmt von dem Meister dort. Thomas Gerbeth
ist 32, sein Name hat schon internationalen Klang.
Wer es in seinem Handwerk zur
Meisterschaft bringen will, darf nicht nur in eine Werkstatt
schauen. Mit der Mauer öffneten sich für Kerstin Welten. „Na gut“,
sagt sie, „von Markneukirchen nach Berlin, das war ja auch schon
ganz schön.“ Ein Dienstleistungsbetrieb im Osten, eine private
Geigenbauwerkstatt im Westen der Stadt, dann eine Familienwerkstatt
im westfälischen Soest – „in ganz kleinen Werkstätten muss die
Chemie untereinander stimmen, sonst geht’s nicht“, war Kerstin neben
der handwerklichen auch um diese Erfahrung reicher.
Also zurück nach Berlin, Geigenbau zu
hause am Küchentisch, um nicht aus der Übung zu kommen – Endstation?
„Wieso“, protestiert Claudia, „es gibt viele ganz tolle
Instrumentenmacher, die irgendwo im Hinterstübchen werkeln. Ihr
Problem ist, dass kaum jemand ihren Namen kennt.
Kerstin wollte ihren Namen klingen
lassen und Claudia auch, aber nicht als Cellistin in einem
Orchester. Beider Weg führte zurück nach Markneukirchen an die
Fachhochschule für Musikinstrumentenbau.
Ihre Meisterbriefe tragen das Datum
27. Juli 1999.
Und Cremona, die Stadt mit Weltruhm,
die Heimat der berühmten italienischen Geigenbaumeister, man muss
doch dort gewesen sein – oder? Der berufliche Weg musste dorthin führen,
wo man viel lernen kann“, sagt Claudia. „Klar, man kann die Praktika
während des Studiums in Markneukirchen machen. Muss man aber nicht“.
Die Freundinnen sparten ihr Geld, wollten ins Ausland, schrieben auf
Anzeigen in Fachblättern, verschickten Bewerbungen. Bei Kerstin
hat’s in Wien und Den Haag geklappt, für Claudia erfüllte sich der
Traum von Atlanta, in Den Haag war sie auch.
Jetzt, da sie selbst Meister ihres
Faches sind, nehmen sie auch den Weg nach Cremona. Die Freundinnen
wollen dort im Herbst am Geigenbauwettbewerb teilnehmen. Und an
einem in Cincinnati. Kerstin nimmt ihre Wettkampferfahrung mit
dorthin. Preisgekrönt sogar. 1998 brachte sie aus Salt Lake City den
3. Preis im Violinbogenbau nach Hause.
„Wir haben schon oft darüber
sinniert“, sagt Claudia, „ob wohl die Namen der Geigenbauer von
heute in 100, 200, 300 Jahren ebensolchen Klang haben wie Stradivari
oder Guarneri.“ „Eines ist sicher, meint Kerstin, „in 100 Jahren
wird es sehr viele gute Instrumente geben, weil es heute sehr viele
gute Instrumentenmacher gibt, schließlich ist die Nachfrage größer.
Die Ausbildungsmöglichkeiten sind vielseitiger, und es gibt bessere
Handwerkszeuge“.
Das klingt so nüchtern. Was ist mit
den Legenden über die Geheimnisse, die die alten Geigenbaumeister
angeblich mit ins Grab nahmen? Die jungen Meisterinnen schütteln den
Kopf. „Es gibt kein Geheimnis. Der Leim bestand damals wie heute aus
Hasenknochen oder aus der Schwimmblase vom Stör. Auch für die
Politur gibt es kein besonderes Rezept. Wichtig ist die Seele des
Geigenbauers, das Bauchgefühl. Der entscheidende Kick geht von der
hand aus“, ist Claudia überzeugt. Beide sind sich einig. Dass nach
computergesteuerten Berechnungen niemals ein gutes Instrument
entstehen könnte.
Der Klang einer Geige lässt sich
nicht vorher bestimmen, erklären die Meisterinnen. Holz lässt sich
eben nicht zwingen. Da spielt es schon eine Rolle, ob die Keile
unten oder weiter oben aus dem Stamm geschnitten wurden, weil die
Lebenssäfte unterschiedlich fließen.
„Das Instrument, der Bogen und der
Musiker bestimmen letztendlich den Klang“, sagt Kerstin. Claudia
nimmt eine der Geigen aus dem Regal: „Wenn das Holz die Musik spürt,
fängt das Holz an zu schwingen.“ Sie streicht über die aufwendig
eingearbeiteten Intarsien. Um die 200 Stunden Arbeit braucht es für
ein solches Stück, 200 Stunden Spannung, ob es gelungen ist.
Da fällt es den Geigenbauerinnen
schwer, sich von ihrem Kunstwerk zu trennen. Schließlich schwingt in
jeder ihrer Geigen auch ihre Seele. Doch die Meisterinnen wissen:
erst, wenn die Saiten den Strich des Bogens spüren, beginnt die
Geige zu leben. Erst dann gewinnt auch der Name „Hoffmann & Rook“ an
Klang.
Magdeburger Volksstimme 04.03.2000 |