„Hoffmann & Rook“ – ein Name mit Klang
(von Kathrain Graubaum)
Für Kerstin und Claudia hängt der
Himmel voller Geigen. Im doppeldeutigen Sinne. Geigen haben sie
genügend an der Zahl in ihrer Werkstatt hängen. Auch Gründe zu
großer Freude gibt es für die beiden Instrumentenbauerinnen
ausreichend. Vor zwei Jahren genau zogen sie in ein Gründerzeithaus
in Magdeburgs Immermannstraße und gründeten dort ihre
Zwei-Frauen-Firma. Sie hängten ihre Meisterbriefe an die Wand und
schraubten das Firmenlogo an die Tür: „Hoffmann & Rook“.
Dieser Name hat Klang. Dass auch die
Instrumente dieser kleinen Firma einen großen Klang haben, ist
beurkundet, hängt seit wenigen Tagen gerahmt neben den
Meisterbriefen. Auf dem Internationalen Geigenbauwettbewerb „Jacobus
Stainer“ in Hinterzarten Ende August wurde die Bratsche von Kerstin
Hoffmann mit dem Hauptpreis ausgezeichnet. In Kerstin und Claudia
schwingt die Saite des Glücks immer noch angenehm nach.
Denn dieser Wettbewerb war ihnen sehr
wichtig, ist er doch der einzige, der hauptsächlich klangorientiert
ist, so dass der Name „Geigen-Klang-Wettbewerb“ fast zutreffender
wäre.
„Darum auch die vielen Unterschriften
auf der Urkunde“, sagt Kerstin, „Klangempfinden ist schließlich
subjektiv. Da muss die Jury mit mehreren international bekannten
Virtuosen besetzt sein.“ Sie reicht einen Prospekt über den Tisch.
Die Namen des Geigenbaumeisters Hans Schicker und der Musiker
Wolfgang Marschner, Stephan Skiba, Ariane Mathäus, Thomas
Goldschmidt-Egel, Keiko Skiba, Alfredo Persichilli, Antonin Moravec,
Jost Witter klingen Fachleuten in den Ohren.
100 Geigen, 60 Bratschen und 40 Celli
waren von den Teilnehmern eingereicht worden. Kerstin hatte zwei
ihrer Bratschen und zwei Geigen für teilnahmewürdig befunden.
Claudia hatte eines ihrer besten Instrumente gerade verkauft, als
sie und ihre Freundin endlich recherchiert hatten, wann und wo
dieser Wettbewerb überhaupt stattfindet. Im Fernsehen hatten sie
irgendwann einmal einen Beitrag über den Geigenbauwettbewerb
gesehen, der dort veranstaltet wird, wo die Natur den Stoff wachsen
lässt, aus dem Geigen sind: im Schwarzwald.
Dass die Instrumente von „Hoffmann &
Rook“ einen sehr guten Klang haben, weiß man in heimatlichen
Gefilden schon längst. Magdeburg hat ein Telemann-Orchester, hat
eine Telemann-Musikschule und hat ein Musiktheater. Da kommt eine
beachtliche Zahl an Geigen, Bratschen und Celli zusammen. Da haben
sich Orchestermusiker und Musikschüler gegenseitig einen Namen ins
Ohr gespielt „Hoffmann & Rook“.
Wenn Orchestermusiker und
Musikschüler in die Ferien gehen, dann haben die beiden jungen
Geigenbaumeisterinnen Hochzeit. Dann kommen die Saiteninstrumente zu
ihnen zur Kur. Aber schon viele neue Instrumente sind in der
Werkstatt von Kerstin Hoffmann und Claudia Rook zum Leben erweckt
worden.
Solch eine Geburt ist eine schwierige
Prozedur. Drei Helfer stehen hier zur Seite: Die Seele, das
Bauchgefühl und die Hand des Geigenbauers. Das macht unterm Strich
zweimal Gefühl und einmal Handwerkstechnik. Dieses Ergebnis stellt
die Legenden von den Techniken und Rezepturen in Frage, die die
alten Geigenbaumeister angeblich mit ins Grab nahmen.
„Es gibt keine Geheimnisse“, sagen
die jungen Frauen und räumen gleich auf mit dem weit verbreiteten
Vorurteil, alte Geigen würden besser klingen. „Holz ist auch
irgendwann einmal müde, verliert an Spannung“, sagt Claudia. Und
Kerstin hat eine Passage aus dem Grußwort von Wolfgang Marschner
dick mit Filzstift angestrichen: „Locatelli in St. Petersburg, das
Florenzer Hoforchester von Veracini, Bachs Köthener Ensemble – sie
alle haben auf neuen Instrumenten gespielt.“ „Der Marschner hat mir
direkt aus der Seele gesprochen“, freut sie sich. Für Kerstin und
Claudia sind zwei Wochen Erholung im Schwarzwald vorbei. Aber ihnen juckt’s auch schon wieder in den Fingern. Neue Instrumente warten
auf ihre Vollendung. Eines wird ein ganz besonderes. Die Schnecke
ist hier ein pausbäckiger Kopf. Doch warum trägt der lockige Knabe
eine Augenbinde? „Amor schießt seinen Pfeil doch nicht
zielgerichtet“, sagt Kerstin. Eine Viola d’amore, eine Liebesgeige,
erwacht in der Werkstatt „Hoffmann & Rook“ zum Leben. Mit ihren
zusätzlich unter dem Griff verlaufenden Resonanzsaiten wird sie dem
Formennamen eine weitere Klangfarbe verleihen, eine volle,
berauschende.
Magdeburger Volksstimme 08.09.2001 |