Ein Geschäft mit
Musik – Die Erfolgsgeschichte von zwei Geigenbauerinnen
(von Jan Kuhlmann)
Es ist eine
ostdeutsche Erfolgsgeschichte in einem Bundesland mit sonst nur
wenig guten Meldungen: Vor etwa drei Jahren gründeten die beiden
Geigenbauerinnen Kerstin Hoffmann (36) und Claudia Rook (30) ihren
Meisterbetrieb in Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt Magdeburg. Sie
fingen an mit einem Kredit von der Hausbank und der Hoffnung, in
einer Marktlücke mit ihrem seltenen Handwerk Geld zu verdienen.
Heute haben sie eine lange Auftragsliste und mehrere hundert Kunden
in ganz Deutschland, Japan und den USA.
Ihre Werkstatt
haben die beiden im ersten Stock eines Magdeburger Altbaus
eingerichtet. Der Boden ist gefegt und aufgeräumt, als hätte gerade
eine Putzkolonne ihre Arbeit beendet. Nur an einer Stelle sind
Holzspäne auf das Laminat gefallen. Die Geigen hängen oben an der
Wand, das Werkzeug liegt aufgereiht und sortiert auf den Tischen.
Geigenbau ist eine
Mischung aus Handwerk und Kunst. „Unser Beruf ist zu vergleichen mit
der Bildhauerei und der Malerei“, sagt Hoffmann. Eine gute Violine
entsteht in reiner Handarbeit. Rund 150 Arbeitsschritte sind es,
bevor aus Ahorn, Fichte und Ebenholz eine lackierte Geige geworden
ist. Mehrere tausend Euro müssen Musiker dafür auf den Tisch legen.
„Geigenbau ist eine Wissenschaft für sich“, sagt Rook.
Wenn Rook über den
Betrieb der beiden Geigenbauerinnen redet, dann spricht auch die
Geschäftsfrau. „Ich kann nicht nur die Künstlerin sein“, sagt sie.
„Ich muss auf dem Teppich bleiben und wissen, was die Kunden
zufrieden stellt.“
Hinter sich haben
die beiden eine lange Ausbildung. Hoffmann schaute schon als Kind
einem alten Geigenbauer über die Schulter. Rook ist eine
ausgebildete Orchester-Cellistin. Beide lernten ihren Beruf in
Markneukirchen im Vogtland (Sachsen), dem Zentrum des ostdeutschen
Geigenbaus. Beide studierten später Geigenbau an der Westsächsischen
Hochschule Zwickau. Bevor sie sich in Magdeburg niederließen, zog es
sie in die USA und nach Holland.
Selbst die
schlechten Wirtschaftsdaten der vergangenen Jahre konnten nicht
verhindern, dass das Geschäft wuchs: Wer Geigen baut ist unabhängig
von der Konjunktur, denn Musiker sparen nur selten an ihrem
Instrument. „Unseren Kunden ist es wichtig, dass sie oder ihre
Kinder auf einer guten Geige spielen“, sagt Rook.
Deswegen planen
die beiden weitere Schritte. Weil die Werkstatt zu klein geworden
ist, möchten sie umziehen und Mitarbeiter einstellen. Rook denkt
noch weiter: „Wir können uns auch vorstellen, Filialen in anderen
Städten zu eröffnen.“
Magdeburger Volksstimme 03.07.2002 |